Ende März hat Microsoft einen neuen Hype in die freie Wildbahn entlassen: Copilot Cowork. Dieser Kollege hat das Zeug, die Zukunft der Arbeit in einem Ausmaß zu verändern, wie wir es uns seit dem ernüchternden Start von Copilot vor zweieinhalb Jahren kaum mehr vorstellen konnten.
Disclaimer und Erwartungsmanagement: Viele der Produkte und Features, über die die meisten MVPs und andere laute Early Adopter täglich schreiben und begeistert referieren, damit sie „vorne dabei“ sind, befinden sich noch in einer Release-Phase namens „Frontier“. Das ist eine Very-Early-Preview-Phase von Microsoft insbesondere im Umfeld der KI-Produkte, die noch vor der Stufe von Private oder Public Previews liegt. Diese Funktionen sind also weit entfernt von allgemein verfügbar und als produktionsreif angesehen. Vielmehr handelt es sich um ein kooperatives Versuchsfeld, in dem wir ausprobieren und Feedback geben können, um die Produkte zu verbessern, bevor sie vielleicht in Preview und dann vielleicht in GA (generally available = allgemeiner Rollout) gehen. Bis dahin gibt es keine Garantie, in welcher Form oder dass diese Features überhaupt jemals produktiv ausgerollt werden. Wir sprechen also immer über eine mögliche, aber ungewisse Zukunft.
Für Intensiv-Nutzende aller möglichen KI-Tools ist das, was Copilot Cowork tut, nicht mehr ganz neu. Es basiert auf Claude Cowork von Anthropic und erfordert daher neben der Aktivierung von Frontier Features auch die Aktivierung der Anthropic Modelle im M365 Tenant, damit man es nutzen kann. Dem steht für die meisten Unternehmen in Europa derzeit noch die Tatsache entgegen, dass die Anthropic Modelle unsere Daten nicht gesichert in der EU verarbeiten. Zwar geschieht die Verarbeitung vertraglich abgesichert unter der AVV, die wir mit Microsoft haben, die wiederum Anthropic als Unterauftragnehmer (Subcontractor) verpflichten. Die Risikobewertung dieser Konstellation muss jedoch vorgenommen und dokumentiert werden – und das überlasse ich den jeweiligen Datenschutzbeauftragten. 😉
Wird Copilot das neue Cockpit der Arbeit?
Nachdem ich Cowork etwas ausprobiert hatte, schien es mir deutlich, dass sich hier etwas anbahnt, was die aktuell noch junge und in weiten Teilen erst heranwachsende Idee von Agentic AI bald links überholen könnte: Bisher sehen wir KI als Assistenz in unseren gewohnten Arbeitsabläufen oder fortgeschrittener als Agenten, denen wir ganze Teilstücke von Arbeit überlassen können, die wir beaufsichtigen, kontrollieren, weiterverarbeiten. Was, wenn wir die Perspektive noch etwas weiter verändern und die KI zum Cockpit machen, an das wir alle unsere Informationsbedarfe stellen, über das wir formulieren, was zu tun ist, und das dann die Werkzeuge und Arbeitsschritte wählt und ausführt, die zum Ziel führen?
Cowork erfüllt schon vieles dieser neuen Perspektive: es kann Werkzeuge und Fertigkeiten in Form von Skills verwalten – und auch selbst erstellen, bisher noch unter Anleitung – und damit komplexe Aufgaben zerlegen und spezialisiert bearbeiten. Skills sind die neuen deklarativen Agents und unterbinden so auch den Wildwuchs von kleinteiligen Agenten. Allerdings halte ich es für vielversprechender, dass nicht Cowork direkt, sondern M365 Copilot als Cockpit dienen sollte: der dortige Orchestrator sollte in der Lage sein, für die an ihn gerichteten Aufgaben die passenden Werkzeuge in Form von Funktionen, Modellen, Spezialagenten und Kollegen wie Cowork auszuwählen. „Passend“ sollte dabei sowohl Fähigkeiten als auch Kosten inklusive Ressourcenbedarf (zum Glück hat Microsoft daran auch ein Eigeninteresse, um seine Infrastruktur vor Überlast zu bewahren) einbeziehen.
Dass Microsoft in diese Richtung strebt, ist an verschiedenen Stellen erkennbar: Der Claim „The UI for AI“ steht schon lange im Raum. Copilot soll KI-Tools aller möglichen Ursprünge vereinen und einfach zugänglich machen. Das zeigt sich bereits in der wachsenden Modell-Vielfalt, die schon jetzt hinter der „Auto“-Wahl als Standard steckt. Bei aktivierten Anthropic-Modellen stehen im Recherche-Agent jetzt auch die Arbeitsweisen „Critique“ (GPT bearbeitet die Anfrage, Claude kritisiert und verbessert die Ergebnisse) und „Model Council“ (GPT und Claude bearbeiten die Anfrage, wir bekommen beide Ergebnisse nebeneinander dargestellt und im Anschluss daran einen inhaltlichen Vergleich und Auswertung) zur Verfügung, die nach dem bestmöglichen Ergebnis streben. Bei allerdings erheblich erhöhtem Ressourceneinsatz…
Was das aus meiner Sicht für das Cockpit der Arbeit bedeutet, habe ich in diesem LinkedIn-Artikel aufgeschrieben: (1) AI – das Cockpit der Zukunft? | LinkedIn
Cowork bei der Arbeit
Inzwischen brannten mir die Möglichkeiten von Cowork dann dermaßen unter den Nägeln, dass ich an einem Wochenende einige Tages- und Nachtstunden investierte, um den Kollegen so richtig an die Arbeit zu schicken. Dieses Wochenende fühlte sich an wie die späten 1990er und frühen 2000er – Nerd Mode ON:
Neue Welten entdecken im WWW, neue Technologien kennenlernen und ausprobieren, auf der heimischen Infrastruktur Mailservices und einen LAMP-Stack (Linux, Apache, MySQL, PHP) aufsetzen und betreiben. Dann einen root-Server anmieten und 2001 das mit angelesenem Wissen selbst entwickelte Web-Magazin veröffentlichen (wer findet heraus, von welchem Medium ich spreche? Tipp:).
Zurück in die Zukunft: es wiederholte sich das Muster, und die Abende wurden lang, die Nächte kurz. Der Kopf platzte vor Ideen, Begeisterung und Tatendrang. Wieder habe ich eine Domain registriert, jetzt für E-Mail-Services mit meinem M365 Tenant verbunden, wieder Webhosting (viel kleiner) beim selben Anbieter wie den root-Server vor 25 Jahren beauftragt. Ich habe unheimlich viel gelernt, erstmals eine Website bei Suchmaschinen angemeldet und Sitemaps eingereicht.
Aber sonst war alles anders: ich habe Cowork beschrieben, was ich vorhabe, was ich brauche, was ich erreichen möchte. Ich habe keine Zeile Code oder Markup geschrieben, keine langen Texte selbst entworfen, mir nicht den Kopf zerbrochen über Designfragen. Ich habe Arbeitsergebnisse begutachtet, kritisiert, Verbesserungen und Änderungen in Auftrag gegeben.
Gleich war wiederum die Freude über das Ergebnis, das nun unter https://copilot-sensei.de zu sehen ist. Dort [Link: Building a Complete Speaker Brand with AI | Copilot Sensei] steht auch die Zusammenfassung der ganzen Geschichte, wie Cowork und ich meine persönliche Marke des „Copilot Sensei“ von der bereits lange in Vorträgen praktizierten Idee zu einem vollumfänglichen Brand Kit und Speaker Profile entwickelt und am Ende in eine coole Website gegossen haben.
Der transformative Kern
Mit Claude Cowork und riskanten Spielzeugen wie OpenClaw können Leute mit viel Zeit für den Einstieg sowas schon länger machen. Vor 25 Jahren wäre ich wahrscheinlich längst in diesem Kaninchenbau gewesen, so wie ich damals zuhause Server betrieben, Websites gebaut und root-Server betrieben habe.
In der Wirklichkeit des Arbeitsalltags jedoch geht es darum, für ausgelastete Menschen Erleichterung zu schaffen, die keine Zeit (und in der Regel auch kein tiefgreifendes IT-Know-How) haben. Und das ist der Knackpunkt, wo Copilot Cowork das Spiel verändert. Die Einfachheit, mit der ich jetzt meine bestehenden Assets in meinem bestehenden Kontext nutzen, in meiner gewohnten Umgebung integriert loslegen konnte, das ist die transformative Chance für alle „normalen“ Wissensarbeitenden. Die Zukunft der Zusammenarbeit wird wild.
http://faq-o-matic.net/?p=9023



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